Re­por­ta­ge

image_manager_desktop_image_300_2010_reportage.jpg

Solist Alexander Neubauer begeisterte mit seinem inspirierten Klarinettenspiel. (Foto: Ulli Scharrer)

Artikel vom 12. Juli 2010

Reportage: "Der Straubinger Kaffee kann durchaus mit dem Wiener mithalten"

Von Karola Decker

Am Samstag um 9 Uhr rollt der Bus mit Musikern der Wiener Symphoniker in Richtung Niederbayern, manche haben sich für die Fahrt mit dem eigenen Auto entschlossen. Die meisten von ihnen waren noch nie in Straubing und freuen sich auf das Städtchen an der Donau. So auch Alexander Neubauer. Als er am frühen Nachmittag an der Joseph-von-Fraunhofer-Halle ankommt, nutzt er nach einer ersten kleinen Probe die Gelegenheit zum Stadtbummel. "Ich finde die Stadt wunderschön", erzählt er später. "Schade, dass ich nicht sehr viel Zeit zur ausgiebigen Besichtigung hatte." Eine Kaffeepause ist immerhin drin - und der Musiker stellt erstaunt fest, "dass der Straubinger Kaffee durchaus mit dem Wiener mithalten kann".

Also zurück zur Fraunhofer-Halle, wo es sich einige Musiker unter schattigen Bäumen gemütlich gemacht haben und noch einmal den Hochsommer und das Catering genießen, bevor es wieder auf die Bühne geht. Vorm Halleneingang warten schon ungeduldig viele junge Musikliebhaber. Traditionell findet im Rahmen von Klassik an der Donau auch das beliebte Angebot "Klassik für Kinder" statt. Die Wiener Symphoniker unterstützen zahlreiche Hilfsprojekte für Kinder und waren deshalb sofort bereit, die Generalprobe eine halbe Stunde lang für den musikalischen Nachwuchs und die Eltern zu öffnen. Alexander Neubauer darf als Solist natürlich nicht fehlen. Als er sanft die ersten Töne des zweiten Satzes anstimmt, ist es mucksmäuschenstill. Die kleinen Zuhörer blicken gebannt auf den jungen Mann in Jeans, der seinem Instrument so wunderbare Klänge entlockt. Als er dann auch noch erzählt, dass er als Schüler bereits täglich mehrere Stunden auf seiner Klarinette geübt hat, sind sie schwer beeindruckt. Inzwischen ist es halb sechs. Zwei Stunden bis Konzertbeginn. Alexander Neubauer gibt noch ein paar Interviews und macht sich dann auf den Weg in die Garderobe. "Vor einem Auftritt brauche ich Ruhe", sagt er. "Ich spiele dann auch nicht mehr auf meiner Klarinette, sondern gehe in mich und schalte ab."

Trotz seines jungen Alters ist er längst ein alter Hase: Bereits mit Anfang 20 kam er zu den weltberühmten Wiener Symphonikern. Damals war er noch mitten im Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, inzwischen ist er dort selbst als Universitätsassistent in der Klasse von Peter Schmidl tätig. Der 34-Jährige bringt genügend Erfahrung mit, um vor dem Konzert in Straubing nicht mehr nervös zu sein. "Natürlich ist da eine gewisse Anspannung, bevor ich auf die Bühne trete", schildert er, "aber keine große Aufregung". 

Um 19.45 Uhr blickt er in erwartungsvolle Gesichter, die Stadthalle ist mit 1500 Besuchern gefüllt. Kurz zuvor hat Prof. Dr. Martin Balle, Verleger der Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung, als Veranstalter das Publikum begrüßt. Alexander Neubauer braucht diesen Moment. "Ich will spielen und freue mich darauf. Wenn der erste Ton so kommt, wie ich mir das vorgestellt habe, ist es nur noch purer Genuss." Nicht nur für ihn. Die Zuhörer schwelgen. Neubauer schwebt in den ersten Satz hinein, holt voluminöse Töne aus seiner Klarinette. Spielt nicht nur routiniert, sondern inspiriert. Das Mozart-Konzert gehört zu seinen Lieblingsstücken, das lässt er sein Publikum spüren. Mit lang anhaltendem Applaus und "Bravo"-Rufen danken die Zuhörer dem jugendlich wirkenden Solisten, der sein lila Hemd locker über der schwarzen Anzughose trägt und offensichtlich großen Spaß an seinem Auftritt hat.

Kurze Pause. Alexander Neubauer hastet in die Garderobe und zieht sich um. Im zweiten Teil kommt die Schubert-Sinfonie zur Aufführung, dabei mischt er sich unters Orchester - und das geht schlecht im lila Hemd. Schnell noch ein Taschentuch eingesteckt, denn der Schweiß fließt an diesem heißen Abend in Strömen. Noch einmal ist für eine knappe Stunde absolute Konzentration angesagt. Andreas Pascal Heinzmann dirigiert mit vollem Körpereinsatz, die 55 Musiker folgen mit Leidenschaft und bieten in Straubing einen Konzertabend allererster Güte. Der donnernde Applaus ist gerade für ein paar Minuten verklungen, als Alexander Neubauer seinen Anzug in den Kleidersack steckt. Danach genießt er noch ein Gläschen Rotwein und nette Gespräche mit den anderen Musikern, um den Adrena-linspiegel wieder auf Normalmaß zu senken. Doch allzu viel Muse bleibt ihm nicht, um den Abend ausklingen zu lassen. Er fährt mit zwei Kollegen nach Wels, wo er übernachtet, bevor es am Sonntagmorgen weiter nach Bregenz geht. Mit einem Lächeln steigt er am Samstag gegen 22.30 Uhr ins Auto. "Es war schön hier in Straubing", sagt er mit charmantem österreichischen Akzent. "Man wird nicht in jeder Stadt so nett empfangen. Auf bald!"