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Artikel vom 11. Juli 2011

"Klassik an der Donau": Das Bruckner-Orchester Linz mit brillanten Instrumentalsolisten

Von Werner Haas

Felix Mendelssohn-Bartholdy wurde schon zu Lebzeiten in England besser verstanden als in Deutschland. Gewisse Experten sind dieser Meinung. Mitglieder des Bruckner-Orchesters Linz unter der kompetenten und inspirierenden Leitung von Andreas Pascal Heinzmann halten kräftig dagegen: In der annähernd vollbesetzten Straubinger Joseph-von-Fraunhofer-Halle gelang ihnen eine bemerkenswerte Interpretation seiner Vierten, der sogenannten "Italienischen Sinfonie".

Man legte das Werk weniger auf großen Klang als auf Schlankheit, rhythmische Akkuratesse und Transparenz an, ließ an keiner Stelle klangliche Härten oder Dürre zu. Das kam vor allem dem effektvollen, von pulsierender Lebensfreude erfüllten Finalsatz zugute, der spürbar von italienischer Landschaft und Mentalität inspiriert ist. Dabei war Heinzmanns vorgegebenes Tempo (vor allem für die Bläser) grenzwertig.

Doch Mendelssohn selbst bevorzugte der Überlieferung nach äußerst rasche Tempi. Harmonische Kühnheit und die hohe Instrumentationskunst des großen Romantikers kamen voll zum Tragen. An dem großen Bogen über alle vier Sätze könnte man vielleicht noch etwas zulegen.

Der erste Programmteil mit Giuseppe Verdis (nachkomponierter) Ouvertüre zur "Macht des Schicksals" und Giovanni Bottesinis "Passioni Amorose" war dann doch etwas zu kurz geraten. Offenbar wollte der Veranstalter (Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung) den zahlreichen Konzertbesuchern in der Pause und in dem am Ende vorgesehenen Empfang im Foyer genügend Gelegenheit zur Begegnung im small talk geben.

Verdi tönte angemessen schicksalshaft-dramatisch mit den eingelagerten schwelgerisch ausgreifenden Kantilenen und mit Bottesinis "Liebesleidenschaften" gab es wohl für alle im Saal ein neues Hörerlebnis. Eine Kuriosität im wahrsten Sinn, schon von der Besetzung her. Hier kommen, ganz ungewohnt von dem Orchester, die beiden tiefsten Streichinstrumente zu solistischen Ehren. Reichlich Gelegenheit für den Cellisten des Wiener Artis-Quartetts, Othmar Müller, und den Kontrabassisten der Wiener Symphoniker, Joachim Tinnefeld, sich auf ihren Griffbrettern nach der Art Paganinis gehörig auszutoben. Da setzte es schon nach dem ersten Drittel (abgewehrten) Zwischenapplaus.

Der beinahe unbekannte Komponist Bottesini war Kontrabassvirtuose, brachte die Technik für sein Instrument prächtig nach vorne und hatte vor allem als Dirigent Erfolg. So vertraute ihm immerhin Verdi 1871 die Uraufführung seiner "Aida" an, und schon bei der Pariser Weltausstellung von 1955 teilte er sich das Dirigat mit keinem Geringeren als Hector Berlioz. Erfahrungsgemäß sucht man bei Kompositionen von berühmten Dirigenten zumeist vergeblich nach musikalischem Tiefgang. Da macht "Passioni Amorose" keine Ausnahme.