Ver­beu­gung vor Mo­zart - Mit Ser­gei Ba­ba­y­an gas­tiert ein Star der Klas­sik-Szene in Strau­bing

Herr Babayan, bei Klassik an der Donau übernehmen Sie den Solopart im Klavierkonzert Nr. 27 in B-Dur von Mozart. Welchen Bezug haben Sie zu diesem Werk und zu Mozart im Allgemeinen?
Sergei Babayan: Mozart und Bach sind die Grundpfeiler meiner musikalischen Existenz. Dieses letzte Klavierkonzert Mozarts ist für mich sehr besonders: nicht, weil es sein letztes war. Die Besonderheit dieses Meisterwerks zeigt sich vielmehr, wenn der Komponist im ersten Satz von Tonart zu Tonart wandert, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. In einem einzigen Atemzug ändert sich immer wieder die Stimmung. Ich stehe jedes Mal wieder fassungslos vor diesem Genie. Als habe Mozart keine Sekunde nachdenken müssen, als sei ihm all das direkt aus dem Herzen geflossen. Unfassbar.

 

Sie sind in Armenien aufgewachsen und leben heute in Amerika. Was fließt von den beiden Kulturen in Ihre Musik mit ein?
Babayan: Meine Kindheit und Jugend in Armenien haben mich als Musiker und Mensch geprägt. Es sind die Einflüsse der Volkslieder, die Kirchengesänge meiner Heimat, die ich mitgenommen habe, als ich mein Studium in Moskau absolvierte. Die russische Klavierschule hat mich dann tief beeinflusst. Dass ich später nach Amerika gekommen bin, war eher ein Zufall. Ich verdanke dem Land viel, nicht zuletzt die Hoffnung, mich als Künstler in Freiheit entwickeln zu können – eine nach der Sowjetunion für mich entscheidende Erfahrung. Aber viele der für mich wichtigen musikalischen Begegnungen dort waren die mit deutscher Musik, mit europäischen Traditionen.

 

Sie wurden von der Kritik schon mehrmals als Genie bezeichnet: Was denkt man sich, wenn man so etwas über sich selbst liest?
Babayan: Ich kann das nicht ernst nehmen. Und hoffe sehr, dass auch sonst niemand das tut. Oft habe ich Zweifel, wenn ich etwas vorbereite, und quäle mich mit der Frage, ob ich dies oder jenes überhaupt spielen darf, ob ich einem Werk genüge. Bach war ein Genie, Mozart war ein Genie. Ich spiele ihre Werke in Demut.

 

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Stück einstudieren? Wie viel Zeit verwenden Sie für die Proben?
Babayan: Wie verliebt man sich? Man kann das nicht beschreiben und nicht analysieren. Wenn man Glück hat, ist im Nachhinein vielleicht erklärbar, warum es dazu gekommen ist. Aber im Moment des Sich-Verliebens passiert Unerklärliches. So ist es, wenn wir einem Stück Musik begegnen, das uns gefangen nimmt. Die Detailarbeit folgt später, wir sehen erst das große Bild, dann kommt das Feilen an den Einzelheiten. Und ich bin sicher einer, der viel feilt, sehr viel.

 

Was ist Ihnen wichtiger, perfekt zu spielen oder die Zuhörer zu berühren?
Babayan: Im Idealfall kommt beides zusammen. Wenn ich einem Kunstwerk mit Achtung begegne wie einem Menschen und dann spreche ich seinen Namen falsch aus und sage Franz statt Hans, dann stört ihn das und ich kann nicht sagen: ‚Das ist doch egal!‘ Es lenkt ab, wenn falsche Noten gespielt werden. Aber natürlich kommt es am Ende nur darauf an, was der Zuhörer empfindet. Ihn zu berühren, ist die wichtigste Aufgabe des Künstlers.

 

Sie haben viele Schüler. Worauf legen Sie beim Unterricht Wert?
Babayan: Wie bereitet man einen jungen Musiker auf ein Leben als Künstler vor? Als Lehrer ist mir wichtig, die Persönlichkeit eines jungen Musikers zu verstehen und seine musikalischen und technischen Schwächen zu finden. Und genau daran zu arbeiten. Wer ein wunderbarer Chopin-Interpret ist, aber Beethoven nicht so gut spielen kann, mit dem werde ich an Beethoven arbeiten. Und das Aufregende daran ist: Am Ende entsteht daraus guter Beethoven, und der Chopin wird gleichzeitig noch besser.


Interview: Karola Decker

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Sergei Babayan (Foto: Marco Borggreve)